NOTVORRAT

Notvorrat für eine 4-köpfige Familie: BBK-Liste geprüft

Die BBK empfiehlt 10 Tage Vorrat. Was bedeutet das für eine Familie mit zwei Kindern? Wir rechnen die Liste durch und zeigen, wo sie über- und untertreibt.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt jedem Haushalt einen Vorrat für 10 Tage. Für eine vierköpfige Familie heißt das auf dem Papier: 80 Liter Trinkwasser, 22 kg Getreide-Produkte, 16 kg Obst und Gemüse, 14 Tafeln Schokolade, plus Hygiene-Artikel. Wer das wörtlich nimmt, kauft eine LKW-Ladung. Wer es ignoriert, hat im Ernstfall ein Problem.

Dieser Artikel rechnet die offizielle BBK-Empfehlung für eine konkrete Familie durch — zwei Erwachsene, zwei Kinder (4 und 8 Jahre), Mietwohnung in einer deutschen Großstadt. Wir zeigen, wo die Liste übertreibt, wo sie untertreibt und was sie komplett vergisst.

Die BBK-Formel im Schnellüberblick

Die offiziellen Empfehlungen aus dem BBK-Ratgeber „Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen”:

KategoriePro Person & TagFamilie × 10 Tage
Trinkwasser2 Liter80 Liter
Brauchwasser1–1,5 Liter40–60 Liter
Getreide, Brot, Nudeln350 g14 kg
Gemüse, Hülsenfrüchte400 g16 kg
Obst & Nüsse250 g10 kg
Milchprodukte260 g10,4 kg
Fisch, Fleisch, Eier150 g6 kg
Fette, Öle40 g1,6 kg
Sonstiges (Süßes etc.)nach Bedarf

In Summe entspricht das rund 2.200 kcal pro Erwachsenen pro Tag — also der erhaltene Stoffwechsel-Bedarf, nicht eine Wohlfühl-Diät. Für aktive Erwachsene oder schwangere Frauen ist das knapp.

Wo die BBK-Liste übertreibt

Die Mengen sind als „satte Vollversorgung” gedacht — wer 10 Tage lang dreimal warm kochen will. In der Praxis macht das niemand. Drei Punkte, an denen man realistisch sparen kann:

Konserven-Fleisch und -Wurst

6 kg Fleisch-Konserven für eine Familie sind viel und teuer. Die meisten Familien essen im Alltag deutlich weniger Fleisch. Realistischer: 3 kg Konserven (Thunfisch, Hähnchen, Ravioli mit Fleisch) plus pflanzliche Eiweißquellen (Linsen, Bohnen, Kichererbsen — günstig, lange haltbar, kalorienreich).

Milchprodukte

10 kg Milchprodukte für 10 Tage bedeuten praktisch täglich frische Milch und Joghurt — beides hält ohne Kühlung nicht. Sinnvoller: H-Milch (3–5 Liter), Hartkäse vakuumiert (500 g), Milchpulver (250 g) — zusammen rund 4 kg, halten Monate.

Fette und Süßes

1,6 kg Öl ist absurd viel. Eine Flasche Olivenöl (750 ml) und ein Glas Honig reichen problemlos für 10 Tage. Schokolade als Trostration ja, aber 14 Tafeln pro Familie sind eher psychologisch als kalorisch begründet.

Wo die BBK-Liste untertreibt

Hier wird’s interessant. An mindestens drei Stellen ist die offizielle Liste zu knapp:

Wasser für Hygiene mit Kindern

Die BBK rechnet 1 Liter Brauchwasser pro Person und Tag. Das reicht für Zähneputzen, Hände waschen, vielleicht eine Katzenwäsche. Mit Kleinkindern, Windeln und der Tatsache, dass Toiletten ohne Wasser nicht spülen, ist das deutlich zu wenig. Realistischer Ansatz: 3–4 Liter Brauchwasser pro Person und Tag. Für eine Familie mit zwei Kindern heißt das:

4 Personen × 3,5 L × 10 Tage = 140 Liter Brauchwasser zusätzlich zum Trinkwasser.

In Stadtwohnungen ohne Garten oder Keller ist das die größte Lagerlogistik-Herausforderung. Eine Badewanne fasst rund 150 Liter — wer früh genug von einem drohenden Ausfall erfährt (Sturm-Warnung, Cyberangriff-Meldung), füllt sie und hat die Brauchwasser-Frage gelöst.

Toilettenpapier und Hygiene

Die BBK nennt Toilettenpapier in einem Satz. Eine Familie verbraucht pro Tag ein bis zwei Rollen. 10 Tage = 12–20 Rollen. Das ist eine Großpackung. Im Alltag eher kein Problem (Vorrat ist normal), aber beim Lager-Anlegen einplanen.

Was die Liste komplett auslässt: Müllbeutel in Mengen. Ohne funktionierende Müllabfuhr stapelt sich der Abfall einer Familie schnell. 30 robuste 60-Liter-Säcke sind ein realistischer Wochenvorrat.

Medikamente und Erste Hilfe

Die BBK-Empfehlung „Hausapotheke nach individueller Bedarfslage” ist juristisch sauber, praktisch aber unbrauchbar. Was eine Familie mit Kindern konkret braucht:

  • Fieberzäpfchen / Fiebersaft (Kinder reagieren auf Hitze und Stress)
  • Elektrolyt-Beutel (für Durchfall, vor allem bei Brauchwasser-Notlage)
  • Heftpflaster verschiedener Größen
  • Desinfektionsmittel (1 Flasche)
  • Persönliche Dauer-Medikation (jeder Familie individuell)
  • Schmerz-/Fiebermittel für Erwachsene
  • Verbandsmaterial für mittlere Wunden

Wichtig: Persönliche Dauer-Medikation (Blutdruck, Asthma, Schilddrüse, Insulin) muss separat über die normale Apotheke vorrätig gehalten werden. Diese Position fehlt in fast jeder Standard-Notvorrats-Liste.

Was die BBK-Liste komplett vergisst

Drei Kategorien, die für eine echte Familie unverzichtbar sind und im offiziellen Ratgeber kaum auftauchen:

Babynahrung und Kinder-Essen

Wer ein Baby hat, kennt das Problem: Anfangsmilch braucht warmes Wasser. Ohne Strom kein Wasserkocher. Ohne Wasserkocher kein steriles Nuckel-Fläschchen. Eine kleine Powerstation ab 280 Wh kombiniert mit einem Wasserkocher (1.500 W kurzzeitig) oder besser einem kleineren 600-W-Kocher löst dieses Problem in 3 Minuten. Praktische Optionen: die Jackery Explorer 300 Plus (288 Wh, 3,75 kg) oder die EcoFlow River 3 Max Plus (286 Wh, 600 W AC).

Kleinkind-spezifisch: H-Milch (auch wenn keine Allergie), Babybrei-Gläschen für 5 Tage, vertraute Cracker und Snacks (Komfort-Faktor schlägt im Stress jede Kalorien-Tabelle).

Spielzeug, Bücher, Beschäftigung

Kein Internet, kein Tablet, kein Fernseher. Zehn Tage. Mit Kindern. Wer das ernst nimmt, packt:

  • Ein batteriebetriebenes Radio mit DAB+ (BBK-Empfehlung, doppelter Nutzen)
  • Bücher und Hörspiel-CDs (alte CD-Player laufen lange auf AA-Batterien)
  • Brett- und Kartenspiele
  • Notizblöcke, Stifte, Mal-Sachen
  • Taschenlampen für Kinder (eigene, in Reichweite, mit Batterien)

Tiernahrung

Die BBK nennt Haustiere mit einem Satz. Realität: ein Hund frisst täglich 400–800 g Trockenfutter. 10 Tage sind 5–8 kg. Bei Katzen rund 700 g pro Woche pro Katze. Wer einen Vorrat anlegt, packt das mit ein — und vergisst es im Alltag nicht zu rotieren.

Lagerung in einer 80-m²-Mietwohnung

Die häufigste Frage: „Wo soll ich das alles hinpacken?” Drei Praxis-Lösungen:

  1. Vorratsschrank statt Notvorrat: Erweitere deinen normalen Einkaufs-Vorrat um den BBK-Bedarf. Die meisten Familien haben sowieso schon Nudeln, Reis, Konserven da — der Sprung von „2 Tage” auf „10 Tage” sind oft nur 30–40 Euro Mehrausgaben.
  2. Unter dem Bett, hinter dem Sofa: PET-Flaschen-Sixpacks (Wasser) passen flach unter jedes Bett. Trockenwaren in stapelbaren Boxen ans Schrank-Ende.
  3. Bargeld + Erste-Hilfe-Karton an einem zentralen Ort: Der „Notfall-Koffer” gehört in den Eingangsbereich, nicht ins Schlafzimmer. Im Ernstfall muss er greifbar sein.

Faustregel: Vorrat ist, was du sowieso verbrauchst

Das BBK-Mantra ist die einzige praktikable Strategie: „Vorrat ist das, was du sowieso verbrauchst, nur in größerer Menge.” Wer einmal im Quartal eine Inventur macht, abgelaufene Konserven austauscht und neue dazukauft, hat in zwei Jahren einen stabilen Vorrat aufgebaut — ohne dass es ein Projekt wird.

Den eigenen Bedarf personalisiert berechnen

Diese Mengen sind Richtwerte für eine 4-köpfige Familie ohne Allergien oder besondere Anforderungen. Die Realität ist meistens etwas anders: Allergien, vegetarische Ernährung, Babys, Haustiere, gesundheitliche Vorbedingungen.

Wir haben dafür einen Generator gebaut, der die BBK-Liste auf deine konkrete Haushaltsgröße, deine Allergien und deine Vorratsdauer skaliert. Das Ergebnis ist eine Einkaufsliste zum Ausdrucken — keine 30-seitige PDF, sondern eine praktische Checkliste.

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Und wer einmal sehen will, wie krisenfest der eigene Haushalt heute schon ist — Vorrat plus Notstrom plus Kommunikation kombiniert — findet im Blackout-Simulator eine realistische Einschätzung.

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